hamburg:pur Januar 2026
Foto: Lucie Jansch THEATER DEUTSCHES SCHAUSPIELHAUS „Jemehr Menschen sprechen, desto weniger hören wir zu “ Yana Ross betreibt für Anton Tschechows Drama „Die Möwe“ anthropologische Forschungen vor Ort – und inszeniert das erste Mal in Hamburg Bekannt für ihre radikalen Überschreibun- gen klassischer Stoffe: Yana Ross polnisch-jüdischen Familie geboren, im Baltikum aufgewachsen, hast in den USA studiert und lebst heute in Vilnius, der Haupt- stadt Litauens. Wie präsent ist in deinem Le- ben die Angst vor einem russischen Angriff auf deine Wahlheimat? Wir machen uns keine Illusionen über unseren Nachbarn. Wir zeigen Widerstandsfähigkeit und proaktives Handeln, aber keine Angst. Als der große Ukraine-Krieg begann, lebte ich seit fast fünf Jahren in Zürich. Ich habe mich dann ent- schieden, nach Litauen zurückzukehren. Mein Mann und ich haben uns dort letztes Jahr ein Stück Land gekauft und ein Haus am See ge- baut. Es war für uns eine bewusste Entschei- dung, sozusagen Stellung zu beziehen und dem Universum die Botschaft zu senden, dass dies ein sicherer Ort ist. Du warst bis 2024 Haus- regisseurin amSchauspiel- haus Zürich. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine hast du vor demZü- richer Rathaus eine Mahn- wache abgehalten und die Neutralität der Schweiz an- geprangert. Verhalten sich auch Deutschland und Euro- pa zu neutral gegenüber dem Krieg in der Ukraine? Die Bevölkerung in Litauen hat eine unglaublich enge emotionale Beziehung zu den 5000 deutschen Soldatinnen und Soldaten, die sich jetzt als permanente Brigade in Vilnius mit ihren Familien nie- dergelassen haben. Ich halte dies für eine sehr starke Bot- schaft. Am Nationaltheater denken wir schon darüber nach, Vorstellungen mit deut- schen Übertiteln zu spielen, um die Gelegenheit zu nut- zen, einander besser ken- nenzulernen. Du hast als Regisseurin in sehr vielen verschiedenen Ländern gearbeitet. Ist der Orts- und Perspektivwech- sel wichtig für deine Arbeit? Absolut. Ich sehe mich immer mehr als An thropologin, für die die Erforschung der Kultur und des Ortes unerlässlich ist, um mit dem Publikum zu kommunizieren. Ich möchte eine Verbindung zur Stadt und zu den Menschen herzustellen. Das geschieht vor allem durch die Schauspielerinnen und Schauspieler, in- dem wir einander wirklich zuhören. In dieser aktiven Forschungsphase wollen wir heraus- finden, mit welchemStück wir es zu tun haben und wer wir selbst sind. Was sind deine ersten Eindrücke von Hamburg? Ich empfinde Hamburg als sehr nordische Theater vom russischen Imperium vereinnahmt wurde. Tschechow als Person und Schriftstel- ler hat einen sehr komplexen ukrainischen Hin- tergrund. Seine Großeltern väterlicherseits wa- ren Ukrainer. Als Kind sprach er Ukrainisch. Er sang imgriechischen Chor. Als er mit 19 Jahren nachMoskau zog, fühlte er sich wie ein Außen- seiter. Auf der Krim, in Frankreich, Nizza, Italien und Singapur fühlte er sich viel mehr zu Hause. Das Wissen darum wurde in den letzten hun- dert Jahren sowjetischer Wissenschaft und Slawistik nahezu ausgelöscht. Du bist in Moskau als Kind einer ukrainisch- Yana, du hast amSchauspielhaus Zürich „Der Kirschgarten“ inszeniert, amBerliner Ensem- ble „Iwanow“ und wirst jetzt am Deutschen Schauspielhaus „Die Möwe“ auf die Bühne bringen. Worin gründet deine Vorliebe für Anton Tschechows Dramen? Yana Ross: Seine Denkweise und Sichtweise auf den Menschen kommen meiner künstleri- schen Sprache und meinemDenken sehr nahe. Die Art, wie die Figuren sich bei ihm gegenseitig beleidigen, wie die Familie streitet, die Mutter ihren Sohn ignoriert oder der Bruder seine Schwester abweist, ist absolut zeitgemäß. Tschechows Figuren wirken immer sehr gefangen in ihrer eigenenWelt. Es gelingt ih- nen nicht, wirklich in Kontakt miteinander zu treten… Bei ihm scheitert die Kommunikation, weil alle immer gleichzeitig reden. Er suchte einen neuen Weg, die Taubheit unserer Gesellschaft auf die Bühne zu übertragen und wusste schon vor über hundert Jahren: Je mehr Menschen sprechen, desto weniger hören wir zu. Ist es nicht problematisch, angesichts der aktuellen geopolitischen Situation einen russischen Klassiker zu inszenieren? Es kommt darauf an, welchen. Die letzten drei Jahre habe ichmichmit einer „Dekolonisierung“ Tschechows beschäftigt, der in den westlichen akademischen Diskursen und im westlichen 10 THEATER Stadt: die Möwen, das Wasser, die Architektur. Es fühlt sich für mich vertraut an, vielleicht, weil ich gerade in Göteborg und Kopenhagen inszeniert habe. Eine sehr kosmopolitische Stadt. Als Erstes sind mir die Pastéis de Nata aufgefallen, die es überall zu kaufen gibt, und ich habe mich gefragt, was all die Portugiesen hier machen. Der Beginn meiner anthropolo- gischen Forschung. Es gab einen einschneidenden Moment in deinem Leben, in demdu beschlossen hast: Jetzt mache ich Theater. Das war im Jahr 2001, als die Terroranschläge auf das World Trade Center verübt wurden. Du hast zu die- semZeitpunkt nur wenige hundert Meter ent- fernt in einem Bürogebäude gearbeitet … Auch diese Entscheidung war unbewusst vielleicht mit Tschechow verbunden. Er war 25, als er erfuhr, dass er an Tuberkulose litt, einer damals unheilbaren Krankheit. Von diesem Moment an wirkt sein Schreiben so präzise und verzweifelt, dass ich es mit Edvard Munchs Gemälde als „stiller Schrei“ bezeichnen würde. Wenn man weiß, dass man nicht mehr lange leben wird, hat man – glaube ich – eine besondere Kraft, etwas zu sagen. Hattest du damals Angst zu sterben? Zum Zeitpunkt von 9/11 war ich noch sehr jung und arbeitete für eine Nachrichtenagentur. Durch Zufall haben wir mit unserer Kamera das zweite Flugzeug gefilmt, das in das Gebäude flog. In meinem langen Leben ist dies die Er- innerung, die mir am lebhaftesten geblieben ist, und sie ist immer noch da. Einerseits ist es sehr banal: Man sieht, was gerade passiert – wie in Zeitlupe. Dann setzt der Verstand ein und das schlimmste Szenario beginnt sich im Kopf abzuspielen: der Beginn des Dritten Welt- kriegs. In diesemMoment befanden wir uns in einemGlasgebäude und suchten mit unseren Kameras nach dem nächsten Flugzeug. Wir warteten auf einen weiteren Angriff. Dann er- kannten wir, dass die Gebäude einstürzen wür- den, und dachten: Vielleicht fallen sie in unsere Richtung. In diesem Grenzbereich zwischen Leben und Tod werden manche Dinge sehr klar. Inwiefern? Man möchte seine Mutter, sein Kind anrufen und begreift, worum es im Leben eigentlich geht: Man selbst schafft die Bedeutung in der sehr kurzen Zeit, die man auf diesemPlaneten verbringt. Darum geht es auch bei Tschechow. Ich hatte eine sehr schöne Karriere im Film- und Fernsehbereich. Ich reiste mit internatio- nalen Crews und trank morgens um acht Uhr Champagner auf der Fashion Week in Paris. Nach diesem Ereignis hatte nichts davon mehr einen Sinn. Ich musste ganz von vorne anfan- gen, fand meinen Weg zurück zur Theater schule und ging nach Yale. Ich wollte Theater- wissenschaft studieren und später vielleicht unterrichten. Dann stellte ich fest, dass ich eine Regisseurin bin. Das hat mich auf einen neuen Weg katapultiert. An meinem ersten Tag in Yale erhielt ich übrigens eine mehrhundert- seitige Kopie mit dem Titel „Hamburgische Dra- maturgie“ von Gotthold Ephraim Lessing. Ich erinnere mich, dass ich mich fragte: Was ist das für ein wunderschönes Gebäude auf dem Titelblatt? Es war das Deutsche Schauspiel- haus. Und hier bin ich nun! Interview: Sören Ingwersen Deutsches Schauspielhaus, 23.1. (Premiere), 25.1. und weitere Termine Foto: Sinje Hasheider 11.1. – 15.2.2026 KRIBBELN IN’N BUUK DER HIMMEL VOLLER GEIGEN VON MARC BECKER JETZT DEIN 2FÜR1-TICKET SICHERN! ohnsorg.de 11
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